Implementierungs-Tool Planting & Pay-off

Während meiner ersten Fortbildungen bezüglich Drehbuchschreiben und Dramaturgie habe ich mich oft gefragt, wie ich all die Methoden und Strukturen und Modelle denn konkret umsetzen kann. Die Antwort hieß eigentlich nur: Schreiben. Ausprobieren. Schließlich fand ich ein kleines, unscheinbares Aschenputtel-Tool, dass sich als ein Zauberstab für die Umsetzung aller Storytheorie in der Schreibpraxis entpuppte.

Dieses Tool zur Implementierung und Integration aller Drehbuchtheorien und Methoden basiert auf dem klassischen Prinzip des Planting & Pay-off, mit dem die Informationsverteilung und der Informationsfluss der Story gesteuert werden können. Erweitert man jedoch den klassischen „Planting & Pay-off“-Begriff, ermöglicht dies die Konstruktion jedweder erzählerischer bzw. filmischer Beziehungsmuster in Raum und Zeit. Mit diesem praktischen Tool können die berechtigten Erfordernisse aller Drehbuch-Theorien und -Methoden vom Autor ganz konkret in die Story implementiert werden.

Hier ein Auszug aus meinem Artikel „Planting und Pay-off“ im VeDRA-Newsletter, Juli 2012.

„Planting & Pay-off“ als universelles Konstruktionswerkzeug

Was wäre, wenn … es ein universelles Implementierungs-Tool namens „Planting und Pay-off“ gäbe, mit dem man als Drehbuchautor/in alle strukturellen und funktionalen Erfordernisse unterschiedlicher Drehbuchlehren und dramaturgischer Methoden konkret erzählerisch umsetzen könnte?

Muss die Geschichte des „Planting & Pay-off“ dafür neu geschrieben werden?

Nein, im Gegenteil: Alles, was war, bleibt, wie es ist. Nur Neues kommt hinzu. Denn alle Erzähler/innen haben das zugrunde liegende Funktionsprinzip schon immer angewendet – ob nun bewusst oder intuitiv. Beginnen wir also mit einem Rückblick: Die bekannteste Definition des Phänomens, dem man in Hollywood den knackigen Namen „Planting und Pay-off“ gab, lieferte Anton Tschechow, indem er forderte, dass wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hänge, im dritten Akt damit geschossen werden müsse. Der große russische Dramatiker trat damit für ein effizientes ökonomisches Erzählen auf der Bühne ein.

Interessanterweise zitiert „Hollywood“ Tschechows Forderung öfters in abgewandelter Form: „Wenn im dritten Akt ein Gewehr schießen soll, muss es im ersten Akt an der Wand hängen.“ Hier wird also die Vorbereitung und Plausibilisierung eines später eintretenden Ereignisses durch das Mittel des foreshadowing für den Zuschauer in den Fokus gestellt.

Wie funktioniert nun Planting und Pay-off als Konstruktionswerkzeug? Zunächst möchte ich nun meine Neudefinition des Begriffs geben: Von einer höheren, abstrakten Ebene aus betrachtet, besteht jeder Film aus nichts anderem als einer bestimmten (ziemlich hohen) Anzahl ineinander verflochtener Plantings und Pay-offs. Dabei steht der Begriff „Planting“ symbolisch für das Setzen von Informationen (jeder Art) im Film und damit für den Zuschauer – und der Begriff „Pay-off“ für den Effekt, der sich zu einem bestimmten Zeitpunkt im Film und für den Zuschauer in Bezug auf die erste Information (also das Planting) ergibt.

Die zentralen Prinzipien des klassischen „Planting und Pay-off“ bleiben auch der neuen Definition inhärent:

Jedes Planting benötigt mindestens ein Pay-off.

Ein Planting kann mehrere Pay-offs haben.

Ein Ereignis (Handlung oder Dialog) kann das Pay-off für mehrere verschiedene Plantings sein.

Ein Pay-off kann gleichzeitig ein Planting sein.

Je höher die Anzahl der Plantings für ein einziges Pay-off-Ereignis bzw. -Element, desto größer dessen Intensität und Dichte.

Was sich in der Anwendung des Grundprinzips von Planting und Pay-off als Implementierungs-Technik jedoch wesentlich vom bisherigen Gebrauch unterscheidet, ist die höhere Variationsbreite in der Explizitheit des Plantings (normalerweise ist ein Planting für den Zuschauer nicht sofort offensichtlich) und die größere Bandbreite im zeitlichen Abstand zum Pay-off (im herkömmlichen Gebrauch folgt ein Pay-off nicht direkt auf das entsprechende Planting).

Akzeptieren wir diese Definition, entstünde analog zu den Mandelbrot’schen Formbildungsprozessen und den Erkenntnissen der Chaos-Theorie ein einfaches Bausystem, mit dem sich die komplexesten Formen bilden und alle denkbaren Welten erschaffen lassen. Das beschriebene Implementierungs-Tool würde somit alle bereits existierenden Fachbegriffe integrieren und deren Anwendung bzw. erzählerische Umsetzung im Drehbuch erleichtern.

Als nächsten Schritt möchte ich nun exemplarisch einige unterschiedliche dramaturgische Fachbegriffe auf das Grundprinzip des „Planting und Pay-off“ zurückführen: Beginnen wir mit dem Begriff der „Wiedererkennung“ aus Aristoteles’ POETIK: Die Wiedererkennung könnte man als ein Pay-off ansehen. Damit es zur Wiedererkennung kommt, braucht man mindestens ein Planting. Essenziell ist das Planting eines bestehenden, aber unterbrochenen Beziehungsverhältnisses z.B.: „Jemand sucht jemanden.“ oder „Jemand vermisst etwas.“ Weitere Plantings beziehen sich auf die Information, wie eine Figur jemanden oder etwas wiedererkennt. Meist hat eine Wiedererkennung auch viele Plantings, die sich auf die zwei zusammenführenden Wege des Wiedererkennenden und des Wiedererkannten beziehen.

Den Begriff „Wendepunkt“ bzw. Plotpoint könnte man einerseits als ein Pay-off von sehr vielen Plantings aus dem ersten Akt darstellen. So könnte man auch den Akthöhepunkt definieren als eine Szene, deren Inhalt (Handlung, Dialog etc.) mit einer größeren Zahl an Plantings dieses Aktes und der eventuell vorangegangenen Akte in Verbindung steht. Den ersten Wendepunkt kann man andererseits auch als ein zentrales Planting des zweiten Wendepunkts sehen, der seinerseits im Drei-Akt-Modell das Planting für den dritten Wendepunkt, also für den Höhepunkt des Films, ist. So stünden auch die Wendepunkte in einem inhaltlichen Bezug zueinander.

Die Katastrophe“ ließe sich unter anderem auch als Planting des Höhepunkts bezeichnen. Der Höhepunkt wäre das Pay-off der Katastrophe.

Das bisher gezeigte Konstruktionsprinzip lässt sich auf die Begrifflichkeiten komplexerer Theorien anwenden:

In der Heldenreise können wir „die heile Welt“ des Helden als ein Planting für das Pay-off des kommenden „Aufbruchs“ definieren. Der „rituelle Tod“ fungiert als Planting für das Pay-off der „Auferstehung“.

Auch systemische Begriffe wie „Illoyalität“ oder „Zugehörigkeit“ lassen sich durch Planting und Pay-off schrittweise in die Story implementieren. Ein Beispiel für den ersten Ansatz der Konstruktion von Illoyalität

Planting (im Dialog): „Aber sag‘s dem Peter nicht.“

Pay-off: Die Figur sagt es Peter.

Diese Grundkonstruktion kann beliebig ausgedehnt werden, bis daraus ein hochkomplexes Netz, ein filmisches Gewebe entsteht. Planting ist dabei die dynamische, vorwärts in die Zukunft gerichtete Komponente. Pay-off ist die rückwärts gewandte, Effekt hervorrufende, schließende Komponente.

Der Bezug zwischen beiden Elementen muss gegeben und erkennbar sein.

Zusammengefasst:

  1. Ein Planting ist eine (einfache oder komplexe) Information. Diese wird in Bild oder Ton dargestellt. Informationsträger können sein: Handlungen, Dialog, Figuren/Schauspieler (Mimik, Gestik), Make-Up, Kostüme, Requisite, Ausstattung, Setting, Farben, Licht, Gegenstände, Töne, Geräusche, Musik etc.
  2. Das Pay-off ist der Effekt einer zweiten Information in Bezug auf das Planting. Durch diese zweite Information konstruiert sich im Kopf des Zuschauers ein Zusammenhang. Ein Erkenntnis-Zusammenhang. Und dadurch auch eine geistige, intellektuelle oder emotionale Reaktion in Bezug auf diesen Zusammenhang. Das einfachste Grundelement von Beziehung lautet hier: Gezeigt wird eine Information A und dann eine dazugehörige Information B. Und im Rezipienten entsteht die Erkenntnis C. Dies kann auch innerhalb von zwei Einstellungen geschehen wie z. B.:

Planting: Jemand bittet einen anderen um etwas. (Geste oder Dialog)

Pay-off: Der andere verweigert es dem darum Bittenden. (Geste oder Dialog)

Ein dergestalt erweiterter „Planting und Pay-off“-Begriff trifft auf der filmischen Ebene auch auf Schuss und Gegenschuss zu. Auch Rede und Gegenrede auf der Dialogebene sowie Aktion und Reaktion auf der Handlungsebene lassen sich als „Planting und Pay-off“-Funktion darstellen. Und wie gezeigt wurde, kann sogar die Wirkungsebene beim Zuschauer damit beschrieben werden.

Fazit:

Das Prinzip des „Planting und Pay-off“ erweist sich in dieser Sichtweise als ein allgemein anwendbares Mikro-Konstruktions-Modell der filmischen Dramaturgie: Es lässt sich in klassischer, linear und kausal erzählender Film-Struktur, ebenso wie im non-linear und non-kausal erzählten Film als Konstruktionsprinzip nachweisen und somit anwenden als Mittel der Konstruktion audiovisuellen Erzählens in fiktionalen und non-fiktionalen Formaten und allen Mischformen – vom Experimentalfilm, Essayfilm, Dokumentarfilm über Arthouse bis zu Hollywood-Klassikern und Mainstream-Genres.

Die unendliche Vielfalt der Anwendung dieses Implemetierungs-Tools entzieht sich dabei jeder mechanistischen Vereinfachung. Die geschilderte „Planting und Pay-off“-Funktion ersetzt nicht die anderen Theorien und Methoden, sondern integriert sie und erleichtert ihre konkrete Umsetzung.